6. September 2017

Von Papierbauten und Eierkartons

Die Tage fliegen. Die Realität hat mich immer noch nicht so richtig gepackt, nur hin und wieder in kurzen Momenten, während meine Hände sich am Handtuck trocknen oder meine Füße über Lego-Steine stolpern, durchfährt es mich wie ein kühler Wind: Ich werde ein Jahr hier sein. Ein Jahr! Gute Güte. Wahrscheinlich blicke ich in elf/zwölf Monaten zurück und denke, dass das ein verdammt kurzweiliges Jahr war. Genau wie der letzte Monat bereits. Vielleicht lernen wir nie, die Zeit so einzuschätzen, wie sie wirklich vergeht. Jegliche Zeitangaben sind so oft schneller vergangen, als man es erwartet hat. Dabei ist die Erwartung einfach nur verzerrt? Wer weiß.

Was gibt es neues? Ich komme an, auch wenn es natürlich seine Zeit braucht. Und jeden Tag fallen mir neue Dinge auf, die hier anders sind als daheim.
1.Viele Straßen und Highways sind ordentlich kaputt (außer Tollways- also Mautstraßen) mit Schlaglöchern, in denen alle vier Achsen gleichzeitig brechen könnten, vermutlich ein Grund mehr, warum die Mehrheit diese riesigen Autos fährt: gepanzerte Sicherheit auf Rädern.
2. Während ich es zu Hause geliebt habe, kurz vor Ladenschluss einkaufen zu gehen - wegen der Stille und dem Gefühl, der Supermarkt sei nur für dich geöffnet - habe ich es nach dem ersten Versuch hier bei Target gleich sein gelassen. Das gesamte Angebot ist nicht nur quer über verschiedenste Regale verteilt, sondern auch in den Gängen, die ob der gigantischen Einkaufswagen übrigens dreimal so breit sind wie bei uns. Apropos-
3. Alles ist größer. Alles. Nicht nur die Autos und Einkaufswagen, auch die Eierkartons (16-24 Stück), Milchflaschen (eine Gallone, also etwa 3,8l), Klopapierpackungen (18 Rollen), Oreos (Family Pack, keine gute Idee wenn man sich alleine daran macht. Aber lecker!). Die Fernseher, die Züge, Essensportionen, die Gläser voller Eiswürfel und Wasser, die man hier kostenlos in jedem Restaurant bekommt. Die Straßen sowieso, die sind meist doppelt so breit, und natürlich die Häuser, die alle ein bisschen wie Papierbauten aussehen und meist ziemlich schön und sehr amerikanisch sind, inklusive großen Eingangsportalen und verzierten Verandas
4. Oft fehlt beim Essen die soziale Komponente. Klingt harsch, ganz simpel gesagt geht es aber, meinen bisherigen Obduktionen zufolge, wirklich nur darum, den Magen zu füllen. Es gibt kein traditionelles Beisammensitzen und Austauschen über die Erlebnisse des Tages, keine Diskussionen, kein Reflektieren der vergangenen Woche. Zumindest nicht als Teil des Essens. Solche Gespräche finden dazwischen statt, z.b. während einer der vielen...
5. Autofahrten. Da die Kinder ihren Hobbies drei bis fünfmal pro Woche nachgehen nimmt dies natürlich einen großen Teil ihres Alltags in Anspruch, nicht nur auf die Zeit des Hobbies beschränkt sondern auch auf die Fahrt dorthin und wieder zurück. Während meine Freunde und ich damals meistens alles mit dem Rad erledigten (und was zu weit weg war, war einfach zu weit weg), sitze ich hier manchmal stundenlang im Auto, um meine Kinder umher zu fahren. Ungewohnt, aber eben so üblich. 

Ich könnte noch viel mehr aufzählen. Jeden Tag gibt es etwas neues zu beobachten, jede Woche ist wieder spannend und sammelt sich in unzähligen Gründen, weshalb es so großartig ist, dieses Land nicht nur als Tourist kennenzulernen.